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Mein Anfang mit Stoffwindeln und was ich heute anders machen würde ODER warum billig nicht immer billig ist

Mein Anfang mit Stoffwindeln und was ich heute anders machen würde ODER warum billig nicht immer billig ist
Von Chefin 17. Mai 2014 64274 mal angesehen

Wieviel Energie benutzt Du, um Dein Leben nach Deinen Bedürfnissen zu gestalten?

Wie und wovon ich leben möchte ist ein wichtiges Thema für mich - wie vermutlich für jeden Menschen. Was möchte ich essen, wie will ich wohnen? Wovon bezahle ich das? Was habe ich für Anforderungen an die Arbeit, die ich leiste, um davon Nahrung und Wohnung zu bezahlen?

Während wir als Familie für uns entschieden haben, dass Arbeit und Nahrung für uns in den Prioritäten ganz oben stehen, ist die Situation für andere Familien wahrscheinlich teilweise anders. Doch ich schreibe hier über uns, und ich will Euch gern meine Sicht auf diese Dinge erläutern. Es ist mir wichtig zu betonen, dass es in diesem Beitrag um unsere Einstellung geht und das ich kein Urteil über andere fällen möchte.

Der Papa mit seinen drei Kleinen :-)

Mein Mann und unsere drei Kinder :-)

Wir beziehen unsere Lebensmittel schon lange aus einer Gemeinschaft - der Verbrauchergenossenschaft Dresden -, die sich "biologisch, regional, fair" auf die Fahnen geschrieben hat und leben auch sonst möglichst nachhaltig und hinterfragen immer wieder unsere ethischen Standards. Als wir damals mit Stoffwindeln anfingen, hatte ich keine Ahnung was es so überhaupt auf dem Markt geben könnte.

Also bin ich in ein soziales Projekt bei uns hier im Stadtteil - das KALEB - gegangen und habe dort nach gebrauchten Stoffwindeln gefragt. Ich hatte damals angenommen, dass die einzigen möglichen Stoffwindeln Mullwindeln und Gummiüberhosen - wie sie unsere Eltern in der DDR benutzt haben - sein könnten, die eventuell irgendwie im Sozialbereich die Zeit überdauert haben könnten. Lacht nicht - aber ich bin nicht im Leben auf die Idee gekommen, dass es da Weiterentwicklungen geben könnte!

Niemals hätte ich das Wort "Stoffwindel" gegoogelt - mir fehlte einfach die Idee, dass das überhaupt jemand machen könnte! Wir haben dann also angefangen mit Bindewindeln und Überhosen zu wickeln. Meine Erfahrungen damit habe ich auch verbloggt - schaut mal hier.

Bindewindel und Wollklettüberhose

Mein Fazit zu Bindewindeln: sie sind suuupergünstig, sie passen an jedes Kind. Sie sind oft fast geschenkt zu bekommen und sie wachsen komplett mit. Der Nachteil allerdings ist, dass man ein bißchen Arbeit und Zeit darin investieren muss und dass sie einen recht großen Windelpopo machen, sowie dass das Kind wie in Höschenwindeln immer komplett nass wird wenn es gepullert hat - da ja die komplette Windel als Saugmaterial dient.

Unsere Kleinste mit Popolini Easyfix

Ich habe mich dann also auf die Suche nach Alternativen gemacht und mehr und mehr selbst genäht. Meine nächsten Stoffwindeltypen waren dann Pockets und ich habe mir bei Ebay ein Set von Popolini gekauft. Hier habe ich darüber geschrieben. Leider waren ausgerechnet diese Pockets die Pockets mit der schlechtesten Passform die ich je in der Hand hatte. Die onesize war meiner damals nicht mal ein Jahr alten Tochter viel zu klein.

Also habe ich die nächsten Windeln gekauft, und was lag da näher als bei Ebay "Stoffwindeln" einzugeben.... Dadurch bin ich bei den China Cheapies (= billigst produzierte Windeln aus China. Ich beschränke mich in diesem Artikel natürlich nicht rein auf das Land China, mir ist aber wichtig, hinzufügen, dass ich mir bewusst bin, dass auch sehr hochwertige Dinge in China produziert werden. Um diese Produkte geht es aber in diesem Artikel nicht.) gelandet. Im Gefühl, diese wären die einzige Alternative zu Faltwindeln und meinen Popolinis habe ich diese dann gekauft.

Und seither wahnsinnig viel dazugelernt.

Voraus erstmal eine Aussage: Ich hatte wahnsinniges Glück. Von meinen damals zwanzig Windeln ist die Hälfte nach zwei Jahren Nutzung noch total in Ordnung. Das ist keine schlechte Rate. Der Rest ist delaminiert oder anderweitig beschädigt und nicht mehr nutzbar. Die Passform der Windeln ist toll, sie sind wirklich onesize (zumindest für die von mir geteste Größenvarianz von 6 kg bis 17 kg) und sitzen super. Die mitgelieferten Einlagen sind nicht mehr als ein Witz, aber da habe ich einfach alte Mullwindeln gefaltet und stattdessen oder in Ergänzung der mitgelieferten Microfasereinlagen benutzt. Ich habe also persönlich keine negativen Erfahrungen mit den Windeln gemacht. Ich werde also im folgenden nicht aus der Sicht einer enttäuschten Käuferin schreiben - ich bekam, wofür ich bezahlt hatte und war zufrieden mit dem Produkt.

Und jetzt kommt mein großes AAAAABER.... Weil ich angenervt war, immer unendlich viel Wäsche zu haben - weil man ja immer die komplette Pocketwindel waschen muss -, habe ich angefangen weiter herum zu experimentieren... und bin nach unendlich vielen Prototypen dann bei meiner ManufakturWindel gelandet.

Die ManufakturWindel

Die ManufakturWindel

Auf dem Weg dorthin habe ich wahnsinnig viele Stoffe und Materialien ausprobiert. Dabei habe ich viel getestet, um ein wirklich optimales Produkt herstellen zu können. Beispielsweise ging es mir dabei um folgende Punkte:

  • Wie viele Nässe halten die Stoffe?
  • Lassen sie sich gut waschen?
  • Wie lassen sie sich vernähen?
  • Woher weiß ich, ob ich mich für das eine oder das andere Material entscheiden soll?
  • Was sind die Unterschiede zwischen dem einen und dem anderen PUL?

Ich will meinen Ansatz, über die China Cheapies zu schreiben mal an der Qualität des PUL festmachen. Über dessen Qualität habe ich in der Folgezeit wahnsinnig viel gerlernt. Vorab: PUL ist die wasserdichte - und je nach Materialqualität auch atmungsaktive - Membran, die in modernen Stoffwindeln benutzt wird. (Meinen Blogbeitrag zum Thema Vergleich der Atmungsaktivität von Stoff- und Wegwerfwindeln findest Du hier. )

Andere kritische Ansätze beim Nachdenken über China Cheapies, über die ich heute nicht schreiben werde, sind zum Beispiel:

  • Verletzungen von Patent- und Urheberrechten,
  • Schadstoffe in Textilien und
  • die Gefahr, dass Erstnutzer von Stoffwindeln mit zu wenig Saugmaterial durch permanentes Auslaufen so enttäuscht von Stoffies sind, dass sie keine weiteren Versuche wagen.

Wie gesagt, ich will mich im folgenden auf einen einzigen Aspekt der China Cheapies beschränken: das PUL. Es gibt noch so viele weitere Aspekte und es gibt viele fabelhaft recherchierte Blogartikel zu diesem Thema. Ich will Euch die wichtigsten dazu unbedingt nennen. Bitte schaut Euch die folgenden Links an:

Qualität und Herstellung von PUL

PUL, Polyurethanlaminat, entsteht aus der Verbindung zweier Materialien. Eine Polyurethanfolie wird auf einen Trägerstoff (im hier betrachteten Fall Polyesterjersey) auflaminiert - mit einem Verfahren, welches die drei Komponenten Hitze, Klebstoff und Druck kombiniert. Die Haltbarkeit des entstandenen Verbundstoffes ist maßgeblich von der exakten Abstimmung dieser drei Komponenten abhängig.

Wenn der Hersteller sich mit z.B. Wärme und Druck nicht auskennt, muss er ganz viel Leim benutzen. So kann billiger PUL beispielsweise ganz dick und steif sein. Ich schreibe aber bewusst KANN, denn auch ganz teurer PUL kann dick sein, weil nämlich besonders hochwertige und dicke (und damit belastbare) Polyurethanfolie verwendet wurde. Es gibt quasi kaum Möglichkeiten, rein vom Anfassen her, etwas über die Qualität des Stoffes zu sagen. Um sich ein Urteil über die Qualtität dieses Materiales bilden zu können muss man sich wirklich mit seiner Herstellung auseinandersetzen.

Die ManufakturWindel von innen Die ManufakturWindel von innen - das braune ist die Innenwindel aus wasserdichtem und atmungsaktivem PUL

Die Herstellung von PUL kann - wie bei den meisten Materialien - extrem billig und äußerst ressourcenaufwändig, umweltschädigend und für die Arbeiter gesundheitsbelastend sein - muss aber nicht. (Zum Vergleich könnt ihr einfach mal kurz an Bilder aus Textilfabriken in Asien und Deutschland denken. Bei einer gleichen Ware, z.B. gefärbten Baumwollshirts, ist der Herstellungsprozess doch deutlich unterschiedlich.)

Leider gibt es aber nur einige wenige Firmen außerhalb Chinas, die PUL herstellen. Dieser ist in den allermeisten Fällen um ein vielfaches teurer als das chinesische PUL. Und leider kann man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass die in Billigwindeln verwendeten Stoffen die billigsten Materialien sind, die auf dem Markt zu bekommen sind. (Nochmal: ich spreche in diesem Artikel nicht über hochwertige Windeln, die auch in China produziert werden.)

Es gibt Standards - und wenn man diese einhält kann man ein fabelhaftes, hochwertiges und langlebiges PUL-Material herstellen.

Das Polyurethanlaminat kann der Stolz einer Firma und seiner Angestellten sein, die immer an Verbesserungen arbeitet, ihren Mitarbeitern gesunde und langfristige Arbeitsplätze zur Verfügung stellt und daran arbeitet, die Umwelt mit der Produktion so minimal wie möglich zu belasten. Das gilt natürlich nicht nur für PUL, sondern für jedes Produkt ebenso.

Wenn wir als Gesellschaft nicht aufhören, hochwertige Dinge zu wollen, aber billige Kopien zu kaufen schaden wir uns selbst. Wir schaden unserem eigenen Dorf, unserer eigenen Stadt und unserem eigenen Land. Wir unterstützen ausbeuterische Unternehmen, die die Menschen und die Umwelt in Ländern weit weg von uns skrupellos für ihre Gewinne ausbeuten. Wir sollten uns fragen, wie viel Energie wir benutzen, um ein Leben nach unseren Bedürfnissen zu gestalten und sollten das gleiche Recht auch Menschen auf der anderen Seite unseres Planeten zugestehen. Mit meinen Entscheidungen für das eine und gegen das andere Material oder Produkt treffe ich als Verbraucher eine bewusste Entscheidung mit den entsprechenden Konsequenzen.

Es obliegt jedem Menschen, welche Entscheidungen er trifft bzw. welchen Vorbildern und Meinungen er folgt.

Ich im Beratungsgespräch Ich im Beratungsgespräch an unserem Stand bei der BRN

Ich wünsche mir, dass jedem klar ist, dass jeder Kauf, jeder Konsum Konsequenzen hat - auch für andere. Und er sollte den moralischen Richtlinien des handelnden Individuums entsprechen. Dafür sollte man informiert sein - und informiert sein wollen. Nun ist mir ja auch klar, dass wir alle noch andere Dinge zu tun haben, als uns ständig über alles zu informieren. Daher schreibe ich das hier auch alles nieder - ich will meine Informationen in Bezug auf Stoffwindeln mit Euch teilen, auf dass sich jeder eine eigene Meinung bilden möge.

Aber zurück zum Ansatz für meinen Artikel.

Ich habe es nicht bereut, China Cheapies gekauft zu haben und ich gebe das auch gern frei zu. Sie waren billig, und ich war uninformiert. Sie haben mir dazu verholfen, daran zu glauben, dass Stoffwindeln toll aussehen können und auch funktionieren. Und ohne diese Erkenntniss wäre ich heute niemals dort wo ich jetzt bin - und würde niemals so einen Post wie diesen schreiben können.

Ich würde aber niemals wieder solche Windeln kaufen - denn ich habe gelernt, dass man auch tolle Stoffwindeln gebraucht kaufen kann, wenn es die finanzielle Situation nicht hergibt, sie neu zu kaufen - gute Materialien sind langlebig!!!

Außerdem können klassische Stoffwindeln auch vollkommen ausreichen, solange man sich einige Tricks aneignet - und man kann Stoffwindeln (vor allem Höschenwindeln) auch super selbst nähen.

selbst genähte Höschenwindel

Billig ist nicht immer billig - denn nur weil der Betrag auf der Rechnung niedrig ist, heißt das noch lange nicht, dass der Preis, den DU und andere dafür zahlen, auch gering ist. Wie seht ihr das?

Anna Behler via Facebook 20. Januar 2016 at 15:59
Schöner Artikel! Du hast geschrieben, dass das meiste PUL in China hergestellt wird. Das was du verwendest auch?
Stephanie Oppitz 22. November 2016 at 12:19
Hallo liebe Anne,
nein, wir verwenden PUL aus den USA. Unser PUL hat alle möglichen Zertifizierungen, das ist mir total wichtig.
Frau B. 20. Januar 2016 at 15:59
Die Schwierigkeit ist, ob man dem Hersteller vertrauen kann, den angemessenen Preis zu zahlen. Ausschläge gibt es nach beiden Seiten. Kleidungshersteller bekannter Marken lassen billig produzieren und verkaufen es teuer. Andere gehen mit dem Label Nachhaltigkeit, Bio oder Fairtrade etc., weil es envogue ist, spazieren und lassen es sich teuer bezahlen. Die Frage ist, wem kann der Kunde vertrauen? Das höchste Gut, denn man kann sich nicht überal lauskennen.
Susanne 20. Januar 2016 at 15:59
Liebe Stephanie,
Nachdem mir von 5 Wetbags 4 delaminiert sind, der 5. hat einen kaputten Reißverschluss (...) ist mir das Thema deines Artikels wieder sehr präsent geworden.
Danke das Du Deine Sicht der Dinge so wunderbar klar mit uns teilst.
Vg Susanne
Tanja 20. Januar 2016 at 15:59
Danke für diesen tollen Artikel und das du uns so an deinen Gedanken teilhaben lässt.
Birgit Klingelhöfer 20. Januar 2016 at 15:59
Liebe Stephanie,

danke für diesen tollen Artikel ! So wichtig es ist, informierte Kaufeintscheidungen zu treffen, so schwierig ist es auch, das immer und bei jedem Kauf zu tun. Aber je mehr man sich in diese Richtung entwickelt, umso mehr wird es zur Selbstverständlichkeit. Und damit kommt es immer mehr ins Bewusstsein und wird immer leichter. Und die Wertschätzung einzelner Dinge verändert sich. Es lohnt sich, damit anzufangen und deinen Weg als Vorbild zu nehmen ! Danke für's Niederschreiben !

Herzliche Grüße
Birgit
Stephanie Oppitz 20. Januar 2016 at 15:59
Hallo liebe Birgit,

und vielen Dank für Deinen Kommentar.
Der erste Schritt in die richtige Richtung ist bekanntlich meistens der schwerste :-) Und dank solcher Frauen wir Dir, die sich ebenso informieren und kümmern und dann ihr Wissen teilen muss man nicht jeden Schritt das allererste Mal gehen. Ich danke Dir dafür!

Liebste Grüße,
Stephanie