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27.03.14

Wie ich wegen geschlechtsspezifischen Farben eines auf den Deckel bekam und dann irre viel dazulernte

Ich empfinde oft farbliche Abscheu wenn ich Mädchenriegen in schweinchenrosa sehe und vor kleinen Jungs, die ohne Cars-Branding nicht in den Kinderwagen gesetzt werden. Ich bin oft eeeewig auf der Suche nach dem nächsten schönen Stoff der nicht EINdeutig genderlastig ist, kein Markenbranding hat und weder süß/weiblich noch männlich/autolastig ist.


Und trotzdem habe ich, ohne groß nachzudenken, einfach "Mädchen_rein" als Name für eine wunderschöne rosafarbene Unikatwindel ausgewählt.

Ich habe das Thema Gender in der Farbzuweisung noch nie hinterfragt, sondern Farb- und Stoffwahl immer nur von der nicht-markenaffinen und ästhetischen Seite betrachtet. Bis ich im Februar eine Nachricht von einer Mutter bekam, die es in sich hatte - im wahrsten Sinne des Wortes. Aus dieser Nachricht entspann sich ein wunderbarer Dialog, der MEINE Sicht auf Gender und Farben und Muster wesentlich geändert hat - wofür ich sehr sehr dankbar bin!

Kinder sollten frei sein Kinder sollten frei sein

Um Euch auch zu ermöglichen, zu verstehen, was ich verstanden habe, möchte Euch gern diese erste Nachricht zeigen:

"Liebe, fleißige Windelmanufaktur-Erfinderin,

sehr, sehr schöne Stoffe sind das für die neuen Sabberlätzchen. Bitte, bitte nicht falsch verstehen - ich finde dein Konzept ganz wunderbar- , aber wäre es nicht ebenso wunderbar, ganz einfach auf die Geschlechterzuordnung zu verzichten? Natürlich steht es mir frei, das Lätzchen einfach meinem Jungen umzubinden. Aber ich hoffe einfach mal, dass ich dir damit nicht zu nahe trete, wenn ich sage: Gerade du brauchst doch solche Mainstreamwerbesprüche nicht und machst eher einen fortschrittlichen, unkonventionellen Eindruck.

Ich schreibe dir das per Nachricht (und nicht als Kommentar unter deinen Post), weil ich nicht weiß, ob du vielleicht keine Lust hast auf eine öffentliche Diskussion. Allerdings habe ich auch kein Problem damit, öffentlich zu meiner Aussage zu stehen - egal ob du diese gut findest, oder ihr widersprechen möchtest.

Ich hoffe, das klang jetzt nicht zu aggressiv. Wahrscheinlich bin ich schon richtig fixiert auf solche Dinge, weil in meiner Facebook-Neuigkeitenleiste täglich Pinkstinks, Missy Magazine, Sociological Images und die Mädchenmannschaft aufmarschieren.

Liebe Grüße,

Jana."

Ich war natürlich ersteinmal angenervt. *rolleyes* Wiiiieeeder so eine, die sonst nichts zu schreiben hat. Aber beim zweiten und dritten Mal lesen wurde mir klar, dass ich es hier mitnichten mit einer genervten Mutter zu tun hatte. Sondern mit einer äußerst sensiblen und korrekten Mutter.

Unser anschließender für mich wahnsinnig aufschlussreicher und lehrreicher Dialog mündete in meinem Wunsch, dass auch die Leser und Leserinnen meines Blogs die Augen einmal so geöffnet bekämen...

Ich traute mich also, Jana zu fragen, ob sie gewillt sei, einen Gastblogbeitrag über das Thema zu schreiben. Sie sagte JA und hier ist er nun, der tolle Gastbeitrag und ich freue mich schon riesig auf Eure Anmerkungen, Links und Kommentare!

Vielen vielen Dank an Jana für Deine Mühe!!!

"PINKSTINKS

Okay, ich gebe es zu. Ich bin in dem Thema wahrscheinlich nicht ganz unvoreingenommen. Oder sagen wir besser: ich neige dazu, Menschen mit diesem Thema auf den Geist zu gehen. Meinem Freund zum Beispiel. Der verdreht gerne mal die Augen, wenn ich wieder gegen Homophobie und Sexismus wettere. Gestern gab es eine Situation, in der ich einfach mal meine Klappe gehalten habe. Und es bereue.

Gestern hat mein Sohn sich auf dem Spielplatz das erste Mal die Lippe blutig geschlagen. An einem Klettergerüst. Nach den ersten Schrecksekunden mit lautem Geschrei war alles ziemlich schnell vergessen. Und was ist da der erste Gedankengang bei meinem Freund und einem Bekannten? „Hast dich wohl geprügelt auf dem Spielplatz? Wie ein echter Kerl.“

Das sind so die Automatismen, die in uns stecken. Die auch in mir stecken. Auch ich war nicht frei von genau diesem Gedankengang. Nur dass ich ihn nicht ausgesprochen habe, weil ich ihn ziemlich dämlich finde. Ich ärgere mich, dass so etwas immer noch in mir steckt.

Denn eigentlich hätte ich gerne eine Welt, in der es diese Art von Klischees nicht gibt. In der mein Sohn zwar ein Mann ist, weil er einen Penis hat und ihm später mal ein Bart wachsen wird. Aber nicht, weil er niemals weint, ein Sportass ist, Mathe gut und Stricken blöd findet. Ich möchte auch nicht, dass er ein Mädchen nur dann als ein Mädchen betrachtet, wenn sie rosa mag und lange Haare hat; gerne mit Puppen spielt und Kleider trägt. Und am Ende möchte ich einfach nicht, dass mein Sohn eines Tages seine Klassenkameradinnen mit diesen Bildern von Frauen vergleicht, die ihm in Zeitschriften, auf Plakatwänden und sogar schon im Kinderfernsehen begegnen. Ihr wisst schon, welche Bilder ich meine.

Und ich möchte nicht, dass mein Sohn das Wort „schwul“ jemals als Schimpfwort benutzt, ebenso wenig wie „weibisch“ oder „mädchenhaft“. Und sollte mein Sohn jemals mit diesen Worten „beschimpft“ werden, würde ich mir wünschen, dass er erst gar nicht versteht, was daran so schlimm sein soll.

Ja, das ist die rosa Brille, die ich aufsetze, wenn ich an eine Zukunft für meinen Sohn denke.

Aber wie will ich das erreichen?

Mit meiner Vorbildfunktion. Und damit, dass ich die Leute in meiner Umgebung mit genau jenem Thema richtig heftig nerve. Und zwar bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Neulich bot sich wieder so eine Gelegenheit und ich fragte bei Stephanie nach, warum ihre schönen neuen Spucklätzchen (ich kann hier leider nur die "Jungsversion verlinken, denn die Mädchenlätzchen waren nur bei Facebook zu sehen) denn nun ausgerechnet für kleine Mädchen gemacht seien. Es entspann sich daraus ein kurzer, reger Gedankenaustausch, bei dem wir fest stellten, dass wir bei diesem Thema gar nicht so weit auseinander liegen. Ich erfuhr zum Beispiel, dass sie nach langer Suche nach einem Stoff mit Einhörner drauf und Regenbögen endlich fündig geworden ist - und der Stoff ist nicht rosa. Damit hofft sie, den Mädchenmamis gerecht zu werden, die sich verspieltere und weniger neutrale Stoffmuster wünschen und trotzdem nicht in die „Rosafalle“ tappen wollen.

Warum das so wichtig ist? Weil Pink nun mal stinkt. Also die Pinkisierung kleiner Mädchen und die damit einhergehende Kategorisierung unserer Kinder in männlich und weiblich.

Natürlich ist das Geschlecht ein wichtiges Merkmal für unsere Kinder bei der Suche nach ihrem eigenen Ich. Wie bin ich? Wer bin ich? Ich bin ein Junge. Ich bin ein Mädchen. Nun reden wir mal gar nicht von den „wenigen“ Kindern, die sich da aufgrund ihrer körperlichen Voraussetzungen nicht einordnen können. Sondern einfach von der Tatsache, dass für meinen Sohn die Kategorie „Junge“ plötzlich nur noch begrenzte Charaktereigenschaften und Vorlieben zulässt. Gut, dass er dann aber wenigstens weiß, dass er in Zukunft besser einparken können wird, als seine Spielkameradin.

Junge oder Mädchen? Oder einfach nur ein tolles Kind? Junge oder Mädchen? Oder einfach nur ein tolles Kind?

Und wozu genau ist diese Kategorisierung unserer Kinder im Säuglingsalter nötig? Warum trägt mein Mädchen rosa und mein Junge auf keinen Fall? Warum steht auf einer lachsfarbenen Strickjacke Garden Girl drauf? Und wer bestimmt, dass das mein Sohn dann nicht tragen darf? Bestenfalls niemand. Denn die Entscheidung liegt bei mir. Es geht in diesem Fall immer um den eigenen Geschmack. Wenn ich nicht will, dass mein Sohn rosa trägt, dann ist das meine Entscheidung. Und wenn ich die Entscheidung treffe, weil ich rosa nicht mag, dann ist das eine persönliche Sache. Aber wenn ich mich dagegen entscheide, weil das eine „Mädchenfarbe“ ist, dann kann das ruhig mal hinterfragt werden. Fürchte ich mich etwa davor, dass man mich dafür schief anguckt? Oder finde ich etwa, dass eine „Mädchenfarbe“ meinen Sohn verweichlicht? Dass er dann nicht mehr die Krone der Schöpfung sein wird? Oder dass er gar schwul wird?

Und leider hört das ja bei Rosa nicht auf. Blumenmuster? Schmetterlinge? Einhörner? Glitzer? Doch nicht für Jungs!

Vielleicht möchte ich ja nicht, dass mein Sohn sich später Fotos aus seiner Säuglings- und Kleinkindzeit ansieht und plötzlich entsetzt feststellt, dass er „Weiberkram“ tragen musste? Ja, das möchte ich tatsächlich nicht. Ich möchte, dass sich mein Sohn später seine Kinderfotos in einer Welt ansieht, in der es diese strikte Klassifizierung einfach nicht mehr gibt. Aber gerne darf er sich dann über den schlechten Modegeschmack von damals lustig machen.

Junge oder Mädchen? Oder einfach nur ein Kind mit schönen Sachen? Junge oder Mädchen? Oder einfach nur ein Kind mit schönen Sachen?

Darum bitte ich euch: versteckt eure Vorlieben bei der Kleidungswahl eurer Kinder nicht hinter dem Argument ihres Geschlechts. Sondern seid ehrlich zu euch selbst. Getraut euch zu sagen: Das Blau passt so gut zu ihren Augen, er mag Schmetterlinge richtig gerne, diesen Kapuzenpulli würde ich auch gerne haben, dieser Schnitt ist hervorragend geeignet für Bubis dicken Windelpopo. Und versucht ein wenig seltener zu sagen: „Das ist nichts für Mädchen, das ist nichts für Jungs.“ Ihr würdet mir dabei helfen, der Welt, die ich mir für meinen Sohn erträume, ein wenig näher zu kommen. Einer Welt, in der eben nicht alle gleich sind, sondern alle ganz anders. Alle ganz individuell.

Für alle, die dieses Thema weiter interessiert habe ich noch einige weiter Links zusammengetragen:

  • Eine Mutter über die Erziehung ohne Geschlechterklischees
  • Schönes Blog von einer Frau, die sich gegen das Mutter-Sein wehrt und nichts vom ewigen „Kind und Karriere“ hält, weil es an der Lebensrealität der meisten Menschen vorbei geht
  • viele Feministinnen mögen rosa
  • beim pinken Überraschungsei geht es nicht um Mädchen sondern um Jungen
  • Magazin für feministische Mutterschaft
  • in diesem Beitrag hat Dr. Mutti etwas sehr Schönes geschrieben zum Vorwurf der Gleichmacherei. Leider steckt das ganze in einem Beitrag, der eine Kolumne von Martenstein in der ZEIT auseinandernimmt (was Dr. Mutti scheinbar ganz gerne macht). Das Zitat würde dadurch wahrscheinlich eher untergehen und so eignet sich der Link nicht für den letzten Link in meinem Text (Alle ganz individuell). Hier das Zitat:„Richtig – eine Kategorie von Menschen – langweilig, zwei Kategorien von Menschen – hochspannend! Individualität, also etwa sieben Milliarden verschiedene Menschen – ach nee, das ist wieder zu viel, da müsste man sich merken, wie viele Nullen eine Milliarde hat. Zwei ist besser, zwei ist gut, zwei Arten Menschen, zwei Farben, das kann man sich gut merken.“ Vom 27.03.2014 um 14:00 Uhr"