nach links gleiten

Warum jetzt die beste Zeit ist, die Windel einfach mal wegzulassen: Windelfrei während des Coronavirus.

Warum jetzt die beste Zeit ist, die Windel einfach mal wegzulassen: Windelfrei während des Coronavirus.
Von Fabiane Follert 6. April 2020 9006 mal angesehen

Mit Stoffwindeln hast du meistens gut im Blick, wann dein Kind wieviel ausscheidet. Wir finden, das ist ein enormer Vorteil, um die Wickelroutine auf die Bedürfnisse des Kindes anpassen zu können. Jetzt, wo die ganze Familie sehr viel Zeit gemeinsam zu Hause verbringt (egal, ob arbeitend oder nicht), möchten wir dich dazu anregen, noch einen weiteren Schritt zu wagen. Wäre es nicht eine gute Gelegenheit, die Windel einfach mal wegzulassen und mit Windelfrei zu starten? Unsere Mitarbeiterin Fabiane hat sich bei ihren beiden Töchtern von Geburt an für Elimination Communication und Teilzeit Windelfrei entschieden und zeigt dir, wie du tagsüber (und auch nachts) ordentlich Windeln einsparen kannst.

“Mamaaa” höre ich meine kleine Tochter rufen und beobachte, wie sie ihren Body nach oben schieben will und in Richtung Töpfchen zeigt. “Musst du mal auf’s Töpfchen?” frage ich und sie nickt eifrig. Sie ist jetzt 20 Monate alt und bei uns zu Hause nahezu trocken. Seit Geburt bieten wir ihr an, ihr großes und kleines Geschäft außerhalb der Windel zu verrichten.

Schon bei der großen Schwester (vier Jahre alt) verwendeten wir die Stoffwindeln der WindelManufaktur. Und was soll ich sagen? In der aktuellen Situation bin ich sehr froh, nicht auf Einwegwindeln angewiesen zu sein. Auch wenn wir hier in Deutschland eigentlich nicht befürchten müssen, dass uns neben Klopapier und Handseife auch Windeln ausgehen, ist es doch vorstellbar, dass, wenn die Pandemie über Monate hinweg andauert, die Herstellung von Windeln und/oder die Lieferkette, die für den Erhalt von Windeln notwendig ist, unterbrochen werden könnte.

Deswegen kann ich Hamsterkäufe in gewisser Weise verstehen. Klüger wäre es aber, sich nicht länger von Einwegprodukten abhängig zu machen, sondern auf waschbare, wiederverwendbare Alternativen zurückzugreifen. Dabei muss man weder hohe Summen in eine Stoffwindel-Ausstattung investieren noch die Angst haben, dass man in Wäschebergen versinkt. Denn es geht auch ganz oder zumindest zeitweise ohne Windeln, wenn man sich darauf einlassen möchte.


Windelfrei kurz erklärt

Bei Windelfrei handelt es sich um eine achtsame, bedürfnisorientierte Einstellung dem Kind gegenüber. Windelfrei grenzt sich klar ab von den Methoden der Sauberkeitserziehung, dem Töpfchen- oder Toilettentraining.

Im Vordergrund steht die Kommunikation mit dem Kind. Das Konzept der Elimination Communication (deutsch: Ausscheidungskommunikation) geht davon aus, dass Babys von Geburt an zeigen, wann sie mal müssen. Eltern lernen durch genaue Beobachtung, diese Signale zu erkennen, sensibel auf dieses Bedürfnis einzugehen und ihren Babys viel windelfreie Zeit zu ermöglichen.

Es geht nicht darum die Windel komplett wegzulassen. Auch “Windelfrei-Kinder” tragen ganz oft eine Windel als Backup. Es wird ihnen nur angeboten, sich außerhalb der Windel zu entleeren, indem sie über ein Töpfchen, das Waschbecken oder die Toilette abgehalten werden. Tiefgreifendere Infos zum Thema Abhalten und Windelfrei findest du unter https://artgerecht-projekt.de/de/infos/windelfrei.html


Kann ich jederzeit mit Windelfrei starten?

Einige sagen, es wäre in den ersten drei bis vier Monaten am einfachsten, mit der Ausscheidungskommunikation zu beginnen. Kleine Babys sind sehr kooperativ und lassen sich weniger ablenken. Wenn sie älter werden, sind sie mehr daran interessiert, zu krabbeln, zu erforschen und zu laufen, als auf dem Töpfchen zu sitzen. Aber es ist jederzeit möglich, mit Windelfrei zu starten. Der beste Zeitpunkt ist, wenn es die persönlichen Umstände erlauben und die Eltern sich bereit dafür fühlen.

Bei meiner ersten Tochter begann ich mit der Ausscheidungskommunikation erst nach etwa drei Wochen, nachdem ich mich von der Geburt erholt habe, das Stillen klappte und ich mich in meiner neuen Rolle als Mutter zurechtfand. Mit der Erfahrung, die ich bei meiner ersten Tochter gesammelt habe, konnte ich bei meiner zweiten Tochter dann ganz entspannt schon ab dem ersten Tag starten.


Wie fange ich an?

Wenn du noch ein kleines Baby hast, lass es einfach mal für einen längeren Zeitraum und immer dann, wenn es für dich passt, auf einer wasserfesten Unterlage nackt rumstrampeln. Beobachte genau was passiert, bevor es Wasser lässt. Tatsächlich geben viele Babys ein Signal von sich, bevor sie sich entleeren. Manche Babys weinen oder machen bestimmte Laute. Das Signal kann auch nonverbal sein - ein leerer Blick oder unruhiges, hektisches Strampeln.

Da ich bei meinen Töchtern gleich nach dem Mutterschutz wieder gearbeitet habe, konnte ich mich nicht so sehr auf die Signale konzentrieren und habe sie daher immer nach bestimmten Standardsituationen abgehalten. Das war vor allem

  • nach dem Schlafen
  • während des Stillens
  • nach dem Essen
  • nach viel Bewegung draußen an der frischen Luft


Fast immer, wenn ich gestillt habe, hatte ich ein Asiatöpfchen zwischen meinen Oberschenkeln und das Baby in entspannter Abhalteposition darauf. Meine erste Tochter habe ich viel über dem Waschbecken abgehalten, was aber mit zunehmendem Alter und Gewicht immer anstrengender wurde. Irgendwann habe ich herausgefunden, wie ich mir das Asiatöpfchen so zwischen die Oberschenkel klemme, dass es nicht verrutscht. Der Rücken hat es mir gedankt.

In der Nacht war die Töpfchen-Variante auch am bequemsten. Immer wenn die Mädels unruhig oder quängelig wurden, war es für mich das Zeichen, dass sie mal müssen.

In dieser Form funktionierte es prima und wir konnten uns so über viele trockene Windeln freuen. Es entstanden einige Windeln weniger, die in der Wäsche oder im Müll landeten.

Und so machen wir es bis heute:

In der Kinderkrippe oder wenn wir unterwegs sind, trägt die Jüngste Stoffwindeln. Zu Hause haben mein Mann und ich ihr bislang auch immer eine angezogen. Aber seit wir wegen der Kita-Schließung und Ausgangsbeschränkung den ganzen Tag zu Hause abwechselnd im Homeoffice sind, lassen wir sie die meiste Zeit ohne Windel herumlaufen. Nur nachts bekommt sie zur Sicherheit noch eine Windel an. Die ist aber immer häufiger früh trocken. Daher werde ich mich wohl auch bald trauen, sie auch mal nachts wegzulassen.


Was brauche ich?

Töpfchen / Asiatöpfchen

Zum Abhalten hat sich ein Töpfchen bewährt, was man sich zwischen die Beine klemmen kann - ein sogenanntes Asiatöpfchen. Manche nehmen aber auch eine alte Rührschüssel. Solange sich der Rand oben für den Po deines Babys bequem anfühlt, ist jedes Behältnis geeignet.

Falls all das nicht vorhanden ist, kannst du dein Kind auch über dem Waschbecken, der Badewanne oder der Toilette abhalten. Bequeme Abhaltepositionen findest du zum Beispiel bei artgerecht.


Bequeme Kleidung, die sich schnell an- und ausziehen lässt

Wenn es noch zu kalt ist in deiner Wohnung, um dein Baby komplett nackt untenrum zu lassen, sind Beinstulpen und Söckchen ein guter Tipp. So hältst du die Beinchen deines Babys schön warm.

Meine Tochter mag es aktuell überhaupt nicht, Söckchen oder Hosen anzuziehen, also lasse ich sie einfach barfuß und ziehe ihr nur einen langen Body oder ein langes Kleidchen drüber.

Wir haben auch solche Splitpants, wie sie in Asien üblich sind. Diese haben im Windelbereich eine große Öffnung uns so musst du die Hose beim Abhalten nicht erst ausziehen.

In der Nacht trägt unsere Tochter wie tagsüber einen Body oder ein langes Nachthemd. Bei Babyschlafsäcken sind zum Abahlten solche praktisch, die sich von unten öffnen lassen.


Matratzenschutz

Als Unterlage eignet sich eine wasserdichte Bettauflage, eine Wickelunterlage mit PUL im Kern oder falls du auf Kunststoff verzichten magst, halten Auflagen aus Wolle wunderbar dicht. Denn Wolle hat von Natur aus eine schmutz- und wasserabweisenden Funktion. Darüber hinaus ist sie geruchsneutralisierend, weshalb du sie nicht nach jeder Pipi-Panne wechseln musst, sondern einfach auslüften kannst.


Windel als Backup

Wie oben bereits geschrieben, heißt Windelfrei nicht “komplett-ohne-Windel”. Wenn es gerade nicht mit dem Abhalten klappt, es sich für dich zu anstrengend anfühlt und du keine Freude dabei hast, dann greife auf Windeln zurück. Mach es nur in Momenten, wenn es sich für dich richtig anfühlt. Setz dich und vor allem dein Kind nicht unter Druck – Windelfrei ist kein Wettbewerb, auch wenn man nach dem ersten Erfolgserlebnis am liebsten eine Challenge draus machen würde: „Wie lange blieb die Windel heute trocken?“ Es ist nicht wie beim Sauberkeitstraining das Ziel, das Kind früher trocken zu bekommen.

Hab keine Angst davor, wenn mal etwas daneben geht

Dass mal etwas daneben geht, gehört dazu und ist eigentlich keine große Sache. Vorausgesetzt, man hat nicht gerade die ganze Wohnung mit einem schönen hellen Teppich ausgelegt. ;)

Wenn mal eine kleine Pfütze auf dem Laminat gelandet ist, wischen wir sie einfach mit einem kleinen Gästehandtuch oder Waschlappen weg. Das kommt dann mit zu den Saugeinlagen in den Wetbag und macht nicht mehr Arbeit, als eine Windel zu wechseln. Beim großen Geschäft ist es natürlich etwas anderes, aber wir nehmen es meistens mit Humor. Vor der Faschingszeit ist es zum Beispiel passiert, dass ein großes festes Häufchen auf den Feenflügeln landete, die auf dem Kinderzimmerboden lagen. Da bekam für uns das Wort „Kotflügel“ eine ganz neue Bedeutung. ;D

Für uns ist es aber nichts anderes, als wenn man einen Hundehaufen vom Gehweg beseitigt. Statt einer Plastiktüte nehmen wir die Flanelltücher der Windelmanufaktur (Windelvlies oder Klopapier ginge auch) und bringen das Häufchen ins Klo. Der „Tatort“ wird dann mit etwas Wasser und Seife und einem grobflorigen Lappen gereinigt, der dann zusammen mit dem Flanelltuch ebenfalls mit in die Windelwäsche kommt.

Wie du siehst, ist es unkomplizierter, als man denkt. Du musst nicht Stunden vor deinem Kind verbringen und es beobachten, sondern kannst auch zu regelmäßigen Zeiten oder zu bestimmten Situationen die Windel abnehmen, dein Baby über ein Töpfchen halten und mal schauen, ob was kommt. Manchmal entwickelt sich das Gefühl dafür, wann das Baby muss, von ganz allein. Vertraue deiner elterlichen Intuition und hab auch Vertrauen in dein Kind.


Weiterführende Informationen zum Thema Windelfrei findest du unter anderem bei:


Meine zwei Top-Favoriten-Bücher, die ich persönlich zu dem Thema Windelfrei empfehlen kann:

  • Ingrid Bauer: Es geht auch ohne Windeln! Der sanfte Weg zur natürlichen Babypflege.
  • Tatje Bartig-Prang: Pipi. Kacka.: Gut gewickelt - ruckzuck windelfrei


Welche Erfahrungen hast du mit Windelfrei? Kommentiere gerne deine Tipps, wie es für dich am entspanntesten ist.

Mama mal 3 23. Mai 2020 at 20:22
Ich habe zumindest beim 3. Kind schon ab Geburt abgehalten und Windeln nur als Backup genutzt: https://mamamal3.ch/2017/02/babys-toepfchen/