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Erzähl mal! Julia von Stoffwindelguru gibt Tipps zur richtigen Wollpflege

Erzähl mal! Julia von Stoffwindelguru gibt Tipps zur richtigen Wollpflege
Von Fabiane Follert 1. November 2021 214 mal angesehen

Wer sich mit Stoffwindeln beschäftigt, landet irgendwann auf dem Blog “Stoffwindelguru”. Ob Saugtests oder Anleitungen zur Wollpflege, hier findest du alles zum ökologischen und nachhaltigem Wickeln mit Stoffwindeln.

Wir haben Julia Frick um ein paar Expertentipps zur Wollpflege insbesondere für Wollwindeln gebeten und sie zu diesem Thema interviewt. Ihre Antworten liest du hier im Blog.

Was macht Wolle so besonders? Was schätzt du an Wollwindeln?

Wolle besitzt unglaublich viele Eigenschaften. Sie ist so komplex, dass man das schwer in ein paar Sätzen zusammenfassen kann. Man kann aber feststellen: Wolle bleibt in Konkurrenz zur Kunstfaser bisher ungeschlagen.

Speziell für Windeln schätze ich besonders, dass Schmutz und Bakterien nicht in den Kern der Faser vordringen können. Das liegt an der schuppigen Oberflächenstruktur der Wolle, an ihr kann sich (im Gegensatz zu Synthetik) selbst Geruch nur schwer festsetzen. Dagegen wird Feuchtigkeit sehr gut aufgenommen. Man spricht von bis zu 30-35% des eigenen Gewichtes der Wolle, ohne dass diese sich wirklich nass anfühlt.

Besondern genial: Wollfasern verfügen über eine eingebaute mechanische Selbstreinigung. Im Faserstamm der Wolle befinden sich zwei verschieden arbeitende Stränge, die unterschiedlich stark quellen. Wird also Feuchtigkeit, bzw. Urin in den Faserstamm (Cortex) aufgenommen, schwellen diese Stränge unterschiedlich stark an und reiben sich. Durch diese konstante Reibung reinigt sich die Faser selbst und immer wieder aufs Neue. Probleme gibt es nur, wenn die Wollfaser überfettet ist und nicht mehr ihre natürliche Funktion übernehmen kann.

Sie ist auch, entgegen ihrem Ruf, sehr strapazierfähig und lange Jahre verwendbar wenn sie richtig behandelt wird. Temperaturunterschiede z.B. sind ein großes Problem. Der Umgang mit Wolle braucht etwas Erfahrung, was aber nicht bedeutet, dass sie nichts für Anfänger ist. Wir haben alle mal angefangen.

Was unterscheidet Wollwindeln von anderen Wollprodukten hinsichtlich der Pflege?

Wollwindeln haben aus meiner Sicht deutlich andere Bedürfnisse an Reinigung und Pflege als ein normaler Wollpullover oder Wollsocken. Wollwindeln werden täglich direkt an der Haut getragen (Hautschüppchen, Schweiß und Hautfett gehen in die Wolle über). Hinzu kommen Urin- und Stuhlflecken/Ablagerungen. Die größte Herausforderung ist aber nicht der Schmutz sondern das Fett (Lanolin wird zur urinabweisenden Funktion verwendet) sowie die häufige Reinigung. Diese beiden Parameter fallen bei einem normalen Wollpullover einfach weg. Wird zu viel Fett auf die Wollwindel aufgetragen, kann der oben beschriebene Reinigungsprozess nicht mehr stattfinden. Kombiniert mit kalkhaltigem Wasser (Stichwort Kalkseife) zur Wollwäsche kann das Ganze mit einem normalen Wollshampoo auf Dauer schief gehen. Überfettete, stinkende Wollwindeln sind leider immer wieder Thema. Die Wolle kann nicht mehr arbeiten. Daher empfehle ich regelmäßig mit einem Reinigungsprodukt zu waschen, welches die Wolle tiefgehend von Verunreinigungen befreit und sie trotzdem nicht zu stark angreift, dass sie beschädigt wird. Das Gleichgewicht zwischen Reinigung und Pflege ist bei Wollwindeln sehr wichtig, um lange an ihnen Freude zu haben und sie letztendlich auch ökologisch sinnvoll zu machen.

Welche Waschmittel sind am besten für Wollwindeln geeignet?

Die bisher besten Reinigungsergebnisse haben wir tatsächlich mit der einfachen Kernseife von Patounis gemacht. Die Seifenflocken werden im Verhältnis 1 zu 3 mit kochendem Wasser angerührt. Das vollständige Rezept findet man auf unserem Blog oder im E-Book „Wollwindel pflegen“.

Wie sieht deine persönliche Routine zum Wollwindeln fetten aus? Hast du einen besonderen Tipp zum Anrühren des Fettbads?

Es gibt zwei Probleme beim Anrühren von Wollfett, die mir sehr häufig begegnen:

  1. Zu kalkhaltiges Wasser = das Wasser wird nicht milchig
  2. Der Emulgator ist nicht stark genug

Mein Tipp daher: Bei sehr kalkhaltigem Wasser kann das zum Fetten verwendete Wasser entkalkt werden. Das gelingt prima mit einem Spritzer Milchsäure.

Zum Emulgator: Er wirkt am besten in weichem Wasser, also auch hier erst einmal etwas Milchsäure ins Wasser. Sehr effektiv ist dann einfach ein kleiner Löffel der gerade genannten Seifenflockenemulsion. Alternativ kann ich ökologisches Spülmittel (z. B. von Klar) empfehlen. Konventionelles Spülmittel muss aufgrund der Inhaltsstoffe nicht unbedingt an die Babyhaut.

Woran merke ich, ob meine Windeln gut gefettet sind? Wie oft sollte ich neu fetten?

Man sollte Wolle definitiv sparsam fetten. Meine Empfehlung pro Wollwindel sind circa 2-3 Gramm (je nach Windelgröße). Ist die Windel dicht, ist sie gut gefettet. Ist sie nicht dicht, prüfe ich zuerst, ob genügend Saugmaterial in der Windel liegt (Tragedauer und Urinmenge sollten zum Saugmaterial passen). Auch sollte die Windel natürlich gut sitzen. Sollte das alles der Fall sein, dann ist wohl das Lanolin abgetragen. Was aber auch passieren kann: Ist zu viel Fett auf der Windel, nimmt sie die erwähnten 30-35% nicht mehr auf und verliert ihre Eigenschaften. Beides kann also zum Auslaufen führen. Auch brauchen Wollwindeln Pause, sie lüften gerne draußen im lauen Lüftchen.

Mein Tipp daher: Sorgt für ausreichend Abwechslung und Pause und besorgt euch ein paar Wollwindeln zum Wechseln, damit eure Windeln nicht überstrapaziert werden. Fettet nur nach Bedarf. Besonders gut ist hier eine Lanolinseife geeignet: Punktuelle Flecken einfach mit Kernseife oder nur der Lanolinseife auswaschen und mit der Lanolinseife nur an dieser Stelle nachfetten.

Was kann ich machen, wenn meine Windeln überfettet sind oder unangenehm riechen?

Verfettete Wollwindeln sollten in zwei Stufen gereinigt werden. Im ersten Schritt sollte eine milde Tiefenreinigung mit der Kernseifenemulsion versucht werden. War diese nur mäßig erfolgreich, müssen härtere Geschütze aufgefahren werden. Hierzu eignet sich eine starke Tiefenreinigung mit Natron. Gerade Urinstein verschwindet nur mit der starken Reinigung.

Ist es hygienisch, kleine Stuhl-Verschmutzungen nur mit Wasser auszuspülen?

Da Wollwindeln immer auch sehr viel Fett enthalten, welches sich leider nicht selbst reinigt, würde ich immer ein Stück Kernseife oder Lanolinseife bei Verschmutzungen empfehlen. Eine Babynagelbürste eignet sich sehr gut, um Stuhlverschmutzungen im Gewebe zu reinigen und die Seife einzuarbeiten. Da Wolle eine schuppige Oberfläche hat, erreicht eine weiche feine Bürste die Strukturen optimal. Danach dann einfach eine Lanolinseife auf die Stelle und die Windel ist wieder einsatzbereit.

Darf Wolle in der Sonne trocknen?

Sonne bleicht Wolle (und die meisten anderen Stoffe) aus, was ganz praktisch bei Stuhlflecken sein kann. Generell gilt aber: Hohe Temperaturen trocknen Wolle auf Dauer aus. Es spricht aus meiner Erfahrung heraus jedoch nichts gegen indirekte Sonneneinstrahlung oder in der direkten Sonne, wenn es nicht die große, lange Mittagshitze ist. Mir hilft zur Einschätzung wie ich Wolle behandeln soll immer der Vergleich, was meinen eigenen Haaren gut tun würde. Viel Waschen, viel Sonne, viele Zusatzstoffe, viel Fett, große Reibung – all das schadet ab einer gewissen Dosis.